Man lernt nie aus …,

Denn das wusste ich nicht, dass der umtriebige Adolf Freiherr von Knigge mehrere Jahre in Hanau gelebt hat.

Da erfährt man bei einem schönen Mädelsabend bei einer lieben Freundin, dass es ein Büchlein von Professor Gerhard Bott gibt, in dem „Briefe eines Schweizers über das Wilhelmsbad bei Hanau“ vom Herausgeber Joachim Schulmerich vom ConCon-Verlag veröffentlicht sind.

Warum das so aufregend für mich war, erklärt sich durch mein Wirken als Knigge Trainerin und dadurch mein großes Interesse an der Person Adolf von Knigge.

Ich wusste zwar, dass er in seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ nur wenig über Benimmregeln geschrieben hatte, und dass er an vielen Höfen nach einer relativ kurzen Zeit unbeliebt war, aber ich wusste nicht, dass er durch seine „Schweizer Briefe“ unseren Wilhelmsbader Brunnen überall bekannt machte.

So kam der junge Baron Knigge im Sommer 1977 nach Hanau, welches in dieser Zeit kulturell und intellektuell mit dem Theater, zahlreichen Malern, Bildhauern und der Zeichenakademie eine sehr lebendige Atmosphäre hatte.

Er hatte nämlich vergeblich versucht, am Hof des Landgrafen in Kassel eine dauerhafte Anstellung zu finden. 

1971, als 19 Jähriger, war er zum „Hofjunker“ und später „Assesor bei der Domänenkammer“ ernannt worden, aber durch sein offenes Reden und seine Kritik an den höfischen Verhältnissen hatte er sich so viele Feinde gemacht, dass er sich einen anderen Hof suchen musste. Nach etlichen Versuchen, in anderen Höfen eine Anstellung zu finden, kam er auf die Idee, nach Hanau zu ziehen.

Die Hoffnung, bei dem Sohn des Kasseler Landgrafen ein Hofamt zu erhalten, erfüllte sich mit dem Titel „Maitre de plaisir“ (so ähnlich wie Tanzlehrer😜?) In diesem Amt war er bei den Damen der Gesellschaft sehr gern gesehen.

Gerne zitiere ich seine Schilderung über seine Eindrücke in Hanau:

„Da bin ich seit einigen Tagen in diesem wahrhaft niedlichen Städgen! Ich bin den 16ten zum ersten Mal an den Hof gegangen, und wenn ich je einen Hof gesehen habe, wo mir alles so wohl gefallen hat, so war es dieser. So viel ungezwungene Höflichkeit gegen Fremde, so ein guter nicht geschraubter Ton; so eine gute, gnädige Herrschaft; so viel Häuslichkeit und Einigkeit…“

Was für ein schönes Kompliment für unsere damalige Stadtgesellschaft! 

Die fortschrittlichen Ideen des Freiherren überzeugten den Erbprinz und er folgte seinen Vorstellungen und errichtete einen weiteren Theatersaal im Stadtschloss.

Leider bekam der Freiherr trotzdem immer noch keine feste Anstellung, und er strengte sich sehr an, dem Fürsten und seiner Umgebung zu gefallen.

In dieser Zeit erschienen zahlreiche Veröffentlichungen von ihm, in denen er auch das Hanauer Publikum mutig kritisierte: „ Ich lebe an einem Ort, wo der wahre Geschmack an der Litteratur und besonders in Schauspielen noch nicht durch die Wolken der Mode, des Voruhrtheils und des Ansehens gedrungen ist. Das Theater sieht man blos nur als eine Ergötzlichkeit…..“ 

Auch in seiner nächsten Abhandlung geht Knigge mit denjenigen ins Gericht, die sich anmaßten, ohne eigene Kenntnisse über dieses und jenes heftige Kritik zu üben, er rügte ungerechtfertigte Urteile über die „Wissenschaften“, die „Musik“ und die „Kunst“. „ Über keine Sache aber urteilt heut zu Tage jedermann entscheidender, ohne eigene Kenntnisse davon zu haben, als über die schönen Künste.“

Unfassbar, wie das immer noch auf unsere heutige Zeit zutrifft. Ich denke im Moment an unser heutiges „Social Media“ an all die Meinungen und Kritiken, die geäußert werden, ohne wirklich von der Sache  Kenntnis zu haben.

Das hat Knigge 1778 geschrieben und das trifft auch nach über 200 Jahren auf unsere Gesellschaft zu.

Lange hielt er es in Hanau aber nicht aus, denn schon im Juni 1780 zog er in einen Vorort von Frankfurt und von dort im Mai 1783 weiter nach Heidelberg, welches er 1787 wieder verließ. Über Hannover, wo er sein mir bekanntes Buch „ Über den Umgang mit Menschen“ 1988 veröffentlichte, gelangte er 1790 nach Bremen, wo er im Mai 1796 verstarb. 

Zu erwähnen ist noch, dass unser „Guter Brunnen“ in Wilhelmsbad nach dem Erbprinz Wilhelm IX, der damals in Hanau residierte, benannt wurde.

Ich fand diese Historie sehr interessant und da ist was dran: Im Alter interessiert man sich viel mehr für die Geschichte seiner Heimat und für mich war Adolf von Knigge eine sehr schillernde Person. Vielleicht für die damalige Zeit etwas zu (ich suche nach dem Wort) außergewöhnlich!